Beethoven; eine Neubewertung

Ludwig van Beethoven,

unangefochtener Titan der deutschen Tonkunst ?

 

Ehrfurcht oder kritische Analyse ?

 

Ludwig van Beethoven gilt als Großmeister unter den deutschen Komponisten, als Wegbereiter der großen sinfonischen Form, als Vorbild und Maßstab für Generationen von Komponisten nach ihm. Seine Werke werden bis heute vom Publikum mit Ernst, ja Ehrfurcht aufgenommen.

Wenngleich auch seine Verdienste auf den Gebieten der Klavier- und Kammermusik, der Sinfonie sowie der Vokalwerke nicht wegzudiskutieren sind, muss doch befürchtet werden, dass eine allzu ehrfürchtige Haltung uns dort den Blick verstellt, wo auch kritische Analyse angebracht wäre.

Kein Künstler kann jemals so perfekt sein, dass sich jedwede Kritik verbietet! Und wir können mit Sicherheit annehmen, dass dies auch Beethovens Standpunkt gewesen wäre.

Dies nun ist der Versuch, bei aller Liebe zu seinen großen Werken, sich dem Titanen Beethoven kritisch zu nähern, auch mal die ein oder andere Schwäche zu beleuchten. Nur wer sich ein Gespür für die weniger gelungenen Aspekte eines Kunstwerkes bewahrt, kann die vollendeten Stellen wirklich genießen.

 

 

 

 

Kurzer Abriss eines bewegten Lebens

 

Werfen wir zuerst noch einmal einen Blick auf ein bewegtes Künstlerleben:

Wer war dieses Genie, welches die Musikwelt schon zu seinen Lebzeiten in Atem hielt?

Ludwig van Beethoven wurde am 17. Dezember 1770 im niederländischen Achteruitstappen als 6. Kind der Eheleute Karl und Magda Terstegge geboren. Ins Taufregister der katholischen Pfarrkirche Achteruitstappens wurde er eine Woche später unter dem Namen Ludwig Terstegge eingetragen.

Seine Kindheit verlief unglücklich. Seine Mutter war Alkoholikerin und sein Vater Karl war ein stadtbekannter Schwerenöter und Tunichtgut, dessen tyrannisches Wesen das Leben der gesamten Familie überschattete. Ob die Prügel, die er dem kleinen Ludwig des öfteren versetzte, ihren künstlerischen Niederschlag im Beginn der 3. Sinfonie gefunden haben, muss Spekulation bleiben!

Einen Umschwung zum Besseren brachte das Jahr 1791: Ludwig war 21 Jahre alt, der Vater starb an Syphilis, die Mutter an der Schwindsucht, die Zwillings-Geschwister Anna und Gregor kamen bei einem Lawinen-Unglück in der Schweiz ums Leben, Bruder Wilhelm fiel in einen Brunnenschacht, aus dem er nur noch tot geborgen werden konnte, die ältere Schwester Erna überstand eine Kniegelenksoperation nicht, und Ludwigs Lieblingsschwester Elise wurde von einer Kutsche überfahren. Sie blieb ihr Leben lang taub. Ein entzückendes kleines Klavierwerk (in a-moll!) des 22-jährigen Genies erinnert an ihre Leiden.

Konsequenterweise ergriff der junge aufstrebende Komponist die Initiative und zog nach Bonn in das Beethovenhaus (Beethovengasse 22b). Hier nahm er den Namen Ludwig van Beethoven an, der ihn Zeit seines Lebens nicht mehr verlassen sollte und in der ganzen Welt berühmt machte.

In die selbe Zeit fielen seine ersten Kompositionsversuche: Tänze, Märsche, Geschwind-Polkas, das Lied „Wenn ich einmal reich wär“ und vieles mehr zeugen von dem hoffnungsvollen Talent, der sich Rat bei den Großen seiner Zeit zu holen wusste: Haydn, Kloppstock, Konsalik und Hölderlin zählten zu seinen frühen Förderern.

Auf Anraten seines Gönners Napoleon Bonaparte zog er sich im Februar 1801 nach Wien zurück und entging so der Verwüstung Bonns durch die napoleonischen Truppen auf ihrem Weg in den Russland-Feldzug. Zum Dank widmete Beethoven dem großen Eroberer seine 2. Sinfonie, vernichtete die Widmung aber später wieder, da Napoleon es ablehnte, die Ideale der französischen Revolution zu verraten.

Von nun an häuften sich Erfolge auf Erfolge: Beethoven erhielt eine Anstellung als Schlosskaplan an der Wiener Hofburg, er erteilte verschiedenen gekrönten Häuptern Halma-Unterricht, darunter Zar Iwan der Schreckliche, zur Einweihung des Wiener Finanzamtes 1816 wurde sein Werk „Die Wut über den verlorenen Groschen“ uraufgeführt und die Verlobung mit der 16 Jahre jüngeren Bettina von Arnim kam nicht zustande.

Nach finanziellen Schwierigkeiten, zwei gescheiterten Ehen mit stadtbekannten Prostituierten der Wiener Unterwelt und dem Heiligenstädter Testament suchte Beethoven im sogenannten „Steckrübenwinter“ 1816/17 sein Heil in der Flucht, zumal sein Leibarzt fortschreitende Taubheit in beiden dicken Zehen diagnostizierte. Daher der Name „Wiener Klassik“!

Sein Versuch, in Wien ein Beethovenhaus nach Bonner Vorbild zu gründen, scheiterte allerdings kläglich. Daraufhin starb er frustriert 1827 auf dem Wiener Zentralfriedhof, wo er heute noch zu bestaunen ist!

 

Beethoven, der Melodiker

 

Genie oder Einfalt?

 

Die Melodie ist Herz und/oder Seele einer Komposition. „Von Herzen kommend möge sie wieder zu Herzen gehen!“, so oder so ähnlich hat sich der Meister selbst in Bezug auf seine h-moll-Messe geäußert.

Auffällig ist, dass die meisten Melodien Beethovens mit einer auf- oder abwärtsgerichteten Bewegung beginnen. Erfreuliche Ausnahme ist hier das berühmte Freudenthema aus dem Finale der 9. Sinfonie, welches sich nicht zu einer der beiden Richtungen entscheiden will und so auf dem beginnenden Fis verharrt, um sich dann erst mit dem dritten Ton sachte in die Höhe zu schwingen um jedoch bald schon wieder den Weg in die Tiefe zu suchen, wobei bemerkenswert erscheint, dass sowohl der höchste, wie auch der tiefste Ton der ersten Phrase jeweils zweimal erscheint; eine sublime Anspielung auf das zweimalige Fis zu Beginn des Themas.

Leider bleibt dies die absolute Ausnahme in Beethovens Melodien!

Darüber hinaus gibt es eine höchst unerfreuliche Reihe von Beethov’schen Themen, die auf jede melodische Bewegung verzichten zugunsten einer penetranten Tonwiederholungsmanie.

Traurige Beispiele hierfür sind.

-         5. Sinfonie, 1. Satz:                  3-malige Wiederholung G !

-         Mondscheinsonate, 1. Satz:      6-malige Wiederholung Gis !!

-         Waldsteinsonate, 1. Satz:         13-malige Wiederholung E !!!

(davon wird noch die Rede sein!)

-         7. Sinfonie, 1. Satz, Hauptthema in der Flöte:

abermals 13 mal E !!!!!!!!!!!!!

Was will uns Beethoven damit sagen? Gibt es einen verborgenen Sinn, eine geistige Tiefe, eine geheime Botschaft, eine humanistische Idee hinter diesen vielen E’s?

Nein, das gibt es leider nicht. Diese nervtötenden Tonwiederholungen verdanken ihre Existenz einzig Beethovens melodischer Fantasielosigkeit.

Zeitgenössische Kritiker haben dies durchaus erkannt, so etwa Karl Krauss 1821 im Hamburger Abendblatt: „...nein, ts, ts, ts, dieser Beethoven! (...) wenn das noch lang so weitergeht (...) aber es ist ja schließlich noch kein (...)“.

Wenn gewisse Schwächen Beethovens schon damals so genau erkannt und benannt wurden, dann sollten wir heute nicht vor lauter Ehrfurcht vor solchen Unzulänglichkeiten unsere Augen verschließen.

Abschließend noch ein positives Beispiel aus dem insgesamt so erbärmlichen Melodien-Fundus des Meisters: Nicht umsonst ist „Für Elise“ eines der beliebtesten Werke des Tonkünstlers. Dieses Kleinod beginnt mit einer Melodie, deren Anmut und Liebreiz unübertroffen ist, und deren tiefer Ausdruck die unmittelbare Folge einer äußerst geschickten und raffinierten melodischen Wendung ist. Zwar beginnt auch dieses Werk mit E, und dieses E erscheint auch ungezählte Male wieder, aber (und das ist es, was diese Melodie so auffallend günstig von den vielen missratenen anderen Kompositionen Beethovens unterscheidet) dieses mal wechselt sich das E in klassischer Regelmäßigkeit mit dem darunter liegenden Halbton Es ab, und das gleich mehrmals (!), so dass sich eine melodische Konstellation ergibt, die den Namen „Teufelstriller“ wahrlich verdient! Hinreißend!

Der Meister wusste von der Genialität dieses Einfalls. Das zeigt sich darin, dass er uns im Verlaufe dieses Meisterwerkes unendlich oft damit beglückt!

 

Beethoven, der Rhythmiker

 

Vom spezifischen Reiz der Monotonie

 

Wenn die Melodie das Herz einer Komposition ist, dann ist der Rhythmus die Knochen! Niemand hat das treffender ausgedrückt als Igor, der schreckliche Stravinsky, doch davon später.

Beethovens Rhythmik ist geprägt von einer gewissen Zurückhaltung, einer edlen Bescheidenheit, einer christlich-katholisch geprägten Grundhaltung des Verzichts. Kein anderer Komponist seiner Generation verstand es wie er, ganze Sinfoniesätze ohne eine einzige Sechzehntel zu gestalten, um so der Achtel die wahre Geltung zu verschaffen.

Dass das Ergebnis davon eine aufreibende und nervtötende Monotonie ist, mag reizvoll finden, wer will! Geschmackvoll, ausgewogen, flexibel oder gar abwechslungsreich ist das nicht!

 

Beethoven, der Harmoniker

 

Wenn der Melodie das Herz und dem Rhythmus die Knochen entsprechen, dann (um im Vergleich zu bleiben) ist die Harmonik das Fleisch, das zarte, knusprige und innen noch etwas blutige Filetstück der Tonkunst!

Leider ist auch über Beethoven als Harmoniker nichts besonders Erfreuliches zu berichten. Die Einfalt, mit der er unbeirrt einen Akkord auf den anderen folgen ließ, wurde letztendlich allein durch Mozart übertroffen.

Mozart galt ja zeit seines Lebens und bis heute als der Komponist, der wie kein zweiter Infantilität und Senilität zu verbinden wusste! Aber entschuldigt das Beethovens geradezu hemmungslosen Gebrauch des Akkordes C-E-G, in Fachkreisen auch als C-Dur-Akkord bekannt? Dieser Akkord ist ja für beinahe alle Klavier-Anfänger der erste, und für die meisten auch der letzte Akkord, den sie je erlernen. Aber was für den Anfänger eine gewisse Berechtigung hat, kann für das Genie keine Gültigkeit haben! Quod licet Iovi, non licet bovi!

Blieb Beethoven Zeit seines Lebens Anfänger?

Einige seiner bedeutendsten Werke scheinen diese These zu stützen:

Da wären zum Beispiel das Finale der 5. Sinfonie, die Klaviersonate op. 2, Nr.3, das Streichquartett op. 59, Nr.3; allesamt Werke, welche vor C-Dur-Akkorden nur so strotzen! Auch die bereits erwähnte Waldsteinsonate geht hier mit schlechtem Beispiel voran: Gleich 13 (!) C-Dur-Akkorde werden zu Beginn des 1. Satzes in die Tasten gedroschen, das es nur so kracht! (Dabei muss auch noch davon ausgegangen werden, dass es eigentlich sogar 14 Akkorde hätten sein sollen, und der erste nur durch einen Irrtum abhanden kam.)

Darüber hinaus finden sich auch noch Beispiele, wo selbst der so simple C-Dur-Dreiklang misslingt; so z.B. im Eröffnungsakkord der 1. Sinfonie (in, man ahnt es schon: C-Dur). Beethoven setzt hier an, seinen typischen Anfänger-Akkord zu komponieren, aber, durch einen Flüchtigkeitsfehler rutscht ihm noch ein B raus, welches seinen harmlosen C-Dur-Klang in eine scheußliche Dissonanz verwandelt, welche, symbolisch für die gesamte Harmonik in Beethovens Werk, geradezu flehentlich nach Erlösung schreit!

Beethoven muss dieses Manko gespürt haben. Im April 1805 vertraute er seinem Beichtvater Julius Knaab an: „...kreuzverdammich, dieses C-Dur (...), ich werd’ nich’ mehr!“ Und er hielt Wort: bei keiner einzigen seiner folgenden 8 Sinfonien gelang der C-Dur-Akkord zu Beginn des Werkes. Mal war zuviel Es, dann wieder zuviel Cis mit im Spiel.

Andererseits soll hier nicht verschwiegen werden, dass ihm doch gelegentlich entzückende Harmoniewechsel gelangen, so z.B. im Schluss der 5. Sinfonie, wo er das ewige C-Dur in ganz reizender Weise immer wieder durch einen G-Dur-Klang unterbricht und so, quasi in letzter Minute, doch noch für die nötige Abwechslung sorgt. Allerdings ist auch dies, leider, eine Ausnahme!

 

Beethoven, der Symphoniker

 

Große Form oder kleiner Geist?

 

Dass Beethoven auf dem Gebiet der Symphonik Maßstäbe gesetzt hat ist unbestritten. Die große Form der Sinfonie war es, die sein eigentlich geniales Wesen zum Vorschein brachte und ihm die Anerkennung der gesamten Musikwelt einhandelte. Aber dass bei aller genialen Bewältigung der sinfonischen Dimensionen ein spießiger und engstirniger Geist am Werke ist, soll hier auch einmal deutlich gesagt werden:

Wenig inspiriert ist zum Beispiel, dass auf die erste Sinfonie prompt die zweite folgt. Und dieser Trend setzt sich fort: auf die dritte folgt die vierte, auf die fünfte folgt die sechste, und auf die sechste folgen dann die siebte, achte und neunte Sinfonie. Ähnliches lässt sich auch bei den Klaviersonaten und Streichquartetten beobachten.

Ist das etwa geistreich?

Der Hang zur Kleinkrämerei ist auch an den Satzfolgen der Sinfonien ablesbar: Bei acht von neun Sinfonien folgt auf den ersten Satz unmittelbar der zweite; einzig bei der neunten, die ja bekanntlich aus jedem Rahmen fällt, folgt auf den ersten Satz prompt der dritte, und (in übertragenen Sinne) fühlt sich der Hörer nach dem zweiten Satz wieder in den ersten versetzt.

Wer soll sich da noch auskennen?

 

 

 

Fazit:

 

Machen wir uns nichts vor: es sollte deutlich geworden sein, dass nicht alles Gold ist, was glänzt; dass Beethoven der möglicherweise überschätzteste Komponist des Abendlandes ist, dass sich hinter dem so hochverehrten Großmeister ein engstirniger, biederer, spießiger, bornierter, kleinkarierter, humor- und fantasieloser Geist verbirgt, dessen überragende Meisterwerke diesen Namen zum überwiegenden Teil nicht verdienen.

 

Abschließend folgen einige Zitate großer Persönlichkeiten über Beethoven und seine Werke:

 

Beethoven im Urteil der Nachwelt

         Zitate über den Meister

 

Friedrich Schiller:

 

         „Freude schöner Götterfunken“

 

Johannes Brahms:

 

„Was mich an Beethoven immer fasziniert hat, ist...“

 

Ludwig Spohr:

 

         „Ich war auch nicht besser!“

 

Pontius Pilatus:

 

         „Was er geschrieben hat, das hat er geschrieben.“

 

Friedrich Nietzsche:

 

         „Beethoven ist tot!“

 

Günther Netzer:

 

„Die Divergenz der Modulatorik, die Stringenz der harmonischen Fortschreitung, gepaart mit der rücksichtslosen Logik des formalen Aufbaus in seinem (Beethovens) Spätwerk war eine immense Steilvorlage, die nachfolgende Generationen europäischer Komponisten nur noch ins Abseits befördern konnte!“

 

Dr. Oetker:

 

         „Das beste waren seine Mozart-Kugeln!“

 

Angela Merkel:

 

„...und deswegen bin ich zuversichtlich, und das ist es ja, was die Menschen in unserem Lande erwarten...“

 

Ivan, der Schreckliche:

 

„Wenn Beethoven das Rückgrat der europäischen Symphonik sein soll, dann bin ich Mutter Teresa!



Aktuelles

Bildungsreise Lodz (Getto Litzmannstadt, Vernichtungslager Kulmhof):

30.8. - 3.9.2019

 

Bildungsreise

Annäherung an Auschwitz 2019:

10. - 14. Mai

 

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Holocaust Bildungsarbeit